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Lilith-Eva-Venus (Aphrodite) ein Vortrag von Mag.a Brigitte Sükar |
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im Rahmen der Ausstellung und der Gedenktage an Bruno Ertler anlässlich seines 90. Todestages in der Steiermärkischen Landesbibliothek am 12. Oktober 2017 |
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Bruno Ertler und die Frauen; Lilith und Eva, tolle Frauencharaktere, vor allem
interessant durch die Spaltung in Gut und Böse; in heilbringend und
vernichtend, wie es Ertler erlebt hat und in seinen Gedichten für uns
nachspürbar macht. Bruno Ertler, auch als Suchender nach dem verbindenden
Element, nämlich der Liebe durch das Sinnbild der Aphrodite/römisch
Venus. Ertler in Verbindung mit Mythologien des Weiblichen und das alles in 20
bis 30 Minuten. Meine Damen und Herren, ich darf Ihnen verraten, das war die
größte Herausforderung! Denn verbunden mit der weiblichen Seite der
Seele, der Anima, sowohl in der Frau, als auch im Mann, begegnen wir einer
komplett anderen Dimension von Zeit und Raum! Einige Worte noch im Vorfeld zu C.G. Jung: er gehörte zusammen mit Freud und Adler zu den drei großen Psychoanalytikern seiner Zeit. Zum heutigen Thema ist vielleicht am wichtigsten zu wissen, dass Jung Freuds Triebkonzept durch die Erforschung des kollektiven Unbewussten erweiterte; gemeinsam sind wir dort auf unterschiedlichste Weise alle miteinander verbunden; und genau dort gehen wir jetzt hin... ins Reich der Mythologie ... Lilith, Sumerische Göttin, die fehlende weibliche Seite Gottes? Oder Adams erste Frau? 1000ende Jahre weggesperrt, bestraft, dämonisiert, aus dem Bewusstsein der Menschen größtenteils verschwunden und dennoch stets in uns hochwirksam, klopft wieder laut an unsere Türe. Sie will gehört und gesehen werden. Ich bin eingeladen worden als Frau, als Jung'sche Analytikerin, und als Lilith-Forscherin hier zu sprechen. Über diesen Ausdruck musste ich schmunzeln; ich fühlte mich gleichermaßen geehrt, aber auch verstört. Sofort spürte ich in mir die enorme Ambivalenz die sich hinter diesem großen, weiblichen Archetyp verbirgt. Ist es überhaupt möglich Lilith zu erforschen? Einen Archetyp, dessen hervorstechendster Wesenszug wohl der ist, sich zu entziehen? Können, wollen, oder sollen wir eine solche Grundstruktur der weiblichen Psyche in eine Form bringen, strukturieren, festmachen? Von Weltreligionen als das Dunkle der Frau dämonisiert und von manchen Psychologen bis heute deklariert als der Schatten der Frau! Was ist das Angstmachende? Gefährlichkeit, Verbotenes liegt in der Luft, was es für uns Menschen natürlich doppelt interessant macht; etwas belebt sich, zieht an, macht kreativ und neugierig. Lilith, die „wilde Frau“. Gemeint ist nicht „wild geworden“ oder „außer Kontrolle geraten“, sondern die ursprüngliche Bedeutung, nämlich der einer natürlichen Lebensweise, in der das Wort „wild“ eine Metapher ist für diejenige Kraft, aus der weibliche Geschöpfe intuitive Nahrung beziehen und unbeschadet existieren können, beschreibt die Analytikerin Clarissa Pinkola Estes in ihrem Buch „Die Wolfsfrau“. Vielleicht ist die wilde Frau der Prototyp der Urfrau schlechthin, denn ihr Naturell bleibt, unabhängig von Zeiten, Politik, Kulturen und Religionen, immer gleich. In meiner tiefenpsychologischen Praxis begegnet mir dieser meist unbekannte, im Gegensatz zu Eva, ungezähmte Teil der weiblichen Seele auf Schritt und Tritt. Da gibt es etwas, das leben will, und ungesehen, das heißt in den Schatten gedrängt, Schaden anrichtet, wenn es nicht erkannt und integriert werden kann. Für mich ist die Beschäftigung mit Lilith deshalb mehr eine psychologische Realität als eine Religion. Heute wird Lilith, wie`s scheint, gesellschaftsfähig. So wird sie nicht mehr nur als Männer- und kindermordende Furie gesehen, sondern als lebendig, freiheitsliebend und auch revoltierend gegen das bestehende Patriarchat. Mehr noch; sie wird sogar als Liebende dargestellt, die in ihrem Wunsch, nämlich in ihrem Eigen- und Sosein respektiert zu werden, grausam verraten wurde. Unabhängig von Gottesbildern betrachtet sind sowohl Lilith, Eva wie Aphrodite Inhalte des großen weiblichen Archetyps. Archetypen wiederum sind engst verbunden mit Bilderleben, Phantasien und Projektionen des Menschen. Und Projektionen sind, wie man an Lilith und Eva sieht, gründlich! Während sich Eva als Adams Frau, als seine Rippe, und Verführerin zum Bösen in den meisten Köpfen fix etabliert hat, blühen die Projektionsflächen um die teils unbekannte Lilith heute ungebrochen. Lilith steht also wieder im Rampenlicht. Ich deute es als Qualität des Bewusstseins: „wie im Rampenlicht“. Frauen mit diesem Bewusstsein können sich auf das konzentrieren, was für sie Bedeutung hat. Darüber hinaus widmen sich ihr Schriftsteller, Musiker, Maler, aber vor allem findet sie erstmals ihren Platz in der Frauenbewegung; Feministinnen erklären Lilith zum Beispiel zur ersten emanzipierten Frau überhaupt. Wenn wir Lilith, Eva und Aphrodite unter dem psychologischen Gesichtspunkt der Archetypenlehre Jungs näher betrachten wollen, brauchen wir zunächst das Wissen einiger Grundbegriffe. Was sind zum Beispiel Archetypen überhaupt und wie wirken sie in der menschlichen Seele? Es sind Urbilder, auch Grundstrukturen der Seele, und bilden somit die Inhalte des sogenannten kollektiven Unbewussten. Wir haben es dort, im Gegensatz zum persönlichen Unbewussten, das in einem engen Zusammenhang mit unserer Biographie steht, mit einer tieferen Schicht des Unbewussten zu tun, die eben nicht mehr persönlichen Erfahrungen und Erwerbungen entstammen, sondern mit allgemein gültigen Inhalten verbunden ist, also angeboren. Da wir Archetypen mit Definitionen nicht fassen können, betreten wir Gebiete wie Mythen, Religionen, Märchen, Träume und Visionen. Im Mythos wie in der Religion und im Märchen eröffnet sich das seelische Leben durch die Gestaltung von sogenannten Sinnkonzentrationen, die in ihrer Handlung wesentliche Brenn- oder Knotenpunkte ausmachen; im heutigen Thema zu den Gedichten Ertlers geht es um genau solche Brenn- und Knotenpunkte in den Projektionen der Männer durch Frauenbilder. In diesem Fall liefern sie das mythologische Motiv, das über lange Zeiträume, vielleicht sogar seit der Urzeit, die Aufmerksamkeit jeder Generation neu auf sich zieht. Wie kommt es zu festgefahrenen Projektionsflächen wie Lilith und Eva? Jung lässt in seinen Schriften „Psychologie und Alchemie“ keinen Zweifel darüber offen, dass auch die Religionen aus der Natur der Seele hervor gehen. Religionen können so gesehen auch als Weiterentwicklung der Mythologie gesehen werden. Lilith und Eva, alsSinnkonzentrationen des Christentums, sehe ich allerdings bereits in einem formgebenden, patriarchalen Archetyp gefangen. Während Aphrodite/Venus, als Sinnkonzentration griechisch/römischer Mythologie, als Metapher der Liebe eine Sonderposition einzunehmen scheint. Ob dies allerdings eher ein Naturprodukt der menschlichen Seele ist, also Gott näher, weiß ich nicht. Dass die wesentlichste Grundstruktur der Seele ihre Doppeldeutigkeit ist, sehen wir besonderes an Symbolen. Wir können so oder so deuten. Sehen wir uns auf der Symbolebene das Bild der sumerischen Göttin Lilith an: |
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• Lilith erscheint hier nackt; das könnte bedrohlich wirken, aber
auch ein Sinnbild von unverfälschter Reinheit sein, denn wer nackt ist,
hat immerhin nichts zu verbergen... • Was zeigt wohl das Gesicht? Fröhlichkeit? Gelassenheit? Oder Undurchschaubares? Gar Dämonisches? • Wir könnten Flügel als einen nicht sehr vertrauenserweckenden Aspekt der Flatterhaftigkeit sehen, aber vielleicht ist es auch ein Symbol für Kreativität; wir fühlen uns dann nämlich im wahrsten Sinn des Wortes beflügelt. • Eulen sind von jeher nicht nur Botinnen von Unheil und Tod, sondern auch von Weisheit und Wissen. • Die Vogelkrallen zeigen uns ihre Gefährlichkeit; sie zeigt die Krallen, ihre animalische, ungezähmte Seite, ihre Triebhaftigkeit, was aber keineswegs gleichbedeutend sein muss mit teuflisch, sondern auch Ausdruck für Leidenschaft und Durchsetzungsvermögen. Keine Frage, dass Lilith auch gefährlich ist, aber nicht nur! In der tiefenpsychologischen Praxis geht es in der Auseinandersetzung mit dem Unbewussten darum, möglichst viele Projektionen zurückzunehmen, und damit um einen Differenzierungsprozess. Und genau das brauchen wir, wenn es um Lilith und Eva geht! Und damit es ja nicht zu einfach wird, sind archetypische Muster aus dem kollektiven Unbewussten, und instinktive Triebe, also alles Erlernte und Erfahrene, im Menschen so eng miteinander verbunden, dass es schwer auseinanderzuhalten ist, wann etwas mit persönlichem Komplexmaterial verbunden ist, und wann nicht mehr. Es ist deshalb unglaublich schwierig, nicht sofort Position für das eine oder das andere zu beziehen. In Ertlers Gedichten von Eva und Lilith zeigt sich die Spaltung in gut und böse jedenfalls noch sehr deutlich. Der gesamte Lilithkomplex, der natürlich auch einen sehr langen Schatten in sich birgt, ist begrifflich sehr schwer erklärbar oder beschreibbar, aber dennoch weiß die weibliche Psyche von seiner Richtigkeit. Es ist nicht nur eine andere Art des Fühlens, sondern auch eine andere Art des Denkens, ein matriarchales Bewusstsein, weiblicher Logos. Es ist die Andersartigkeit, und so manche Frau weiß, welche Ohnmacht es hinterlässt, in dieser Art belächelt und entwertet zu werden. Es ist eine Schwingung, unter allen Verbalisierungsversuchen dabei, und erfährt alleine schon dadurch Abwertung, es auf einen Punkt zu bringen oder es konkretisieren zu wollen. Nicht Fassbares, Unbegreifliches, macht Angst, stößt auf Abwehr! Nicht nur bei Männern, auch bei Frauen. Abwehr ist es auch, die Männer beispielsweise zu frauenfeindlichen Sprüchen bewegt, Untergriffen, Frauenwitzen unzähliger Art, die Frauen interessanter Weise in einer nicht enden wollenden Schleife, mehr oder weniger erdulden. Es waren wohl Männer, die den grausamen Lilith-Mythos in die Welt setzten. Ein (arche)typischer Fall von Schattenprojektion, meint die Jung ́sche Analytikerin Vera Zingsem: „ Mann bekämpft an Frau, was er an sich selbst nicht leiden kann - und lässt sie dafür büßen.“ Grundlegend gibt Frau Zingsem zu Bedenken, dass unsere Kultur betreffs der Erschaffung des ersten Menschenpaares und damit auch der Liebe zwischen Mann und Frau gleich zwei Leichen im Keller hat: Lilith, die Autonome, die Adam verlässt, weil er sie in die unterlegene Position zwingen will und, ich staunte auch, die erste Eva, die von Adam verstoßen wird, weil er dieser anpassungsfähigeren Version gegenüber einen unbezwingbaren Widerwillen verspürte. Der dritte Versuch in den mythologischen Erzählungen, die zweite Eva also, die sogenannte Rippe, etwas, das demnach aus Adam selbst hervorgeht, könne somit genau genommen nur seine Tochter sein, meint Zingsem. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, denn dies wäre natürlich keine Liebe auf Augenhöhe, sondern eine Liebe ohne Konfrontationen und Auseinandersetzungen auf gleichgestellter, partnerschaftlicher Ebene; eine Betrachtungsweise die zur Annahme verleiten könnte, der Mann sei wohl einer echten Mann-Frau-Beziehung nicht gewachsen. Lilith, die selbstbestimmt Denkende, dämonisiert; Eva mehrfache Verliererin, weil sie wissbegierig und neugierig das Gespräch mit der Schlange sucht, somit das Böse in die Welt bringt und gleichzeitig ihren Status als „Mutter aller Lebendigen“ einbüßt. Ist weibliches Denken nicht erlaubt, um dem patriarchalen Gottesbild nicht auf die Schliche zu kommen? Und was ist die Rache der Frau im patriarchalen Verständnis? Der Analytiker Erich Neumann schreibt in seinem Versuch, feministische Erkenntnisse mit der Psychologie C.G. Jungs zu verbinden, in dem Buch „Amor und Psyche“: „Wenn das Männliche dominiert wird, und zwar im Bewussten, wird die Anima - also das Weibliche - , ins Unbewusste gedrängt. Das Männliche verliert auf diese Weise seine Seele und damit unbewusst sich selber an die Frau. Dieser Verlust macht das Seelische infantil, es macht den Mann... in seinem Gefühl vom Weiblichen abhängig.“ Und ich meine: so ein Gefühl macht natürlich Angst! Der wohl angstmachendste Bereich allerdings in der Metapher um Lilith ist auch heute noch die Sexualität, die natürliche Triebhaftigkeit, wenn wir uns ansehen, dass solche Frauen in allen Zeiten um die Schwäche der Männer wussten, und den Sexualtrieb bewusst einsetzten, um zum jeweiligen Ziel zu gelangen. Die Angst der Männer, aber auch durchaus der Frauen untereinander, vor diesem kalten, berechnenden Aspekt ist durchaus berechtigt! Welche schreckliche Angst Lilith auslösen kann, aber auch welche traurige Wahrheit dahintersteckt, wusste Bruno Ertler intuitiv; wir hören dazu im Anschluss sein Gedicht „Ereignis“. Etwas Bedrohliches allerdings kollektiv hinauszusperren, oder generell als Böse zu erklären, wirkt psychologisch gesehen in der menschlichen Seele wie ein Bumerang. Es kommt durch die Hintertüre doppelt zurück, weil es einseitig gesehen ist! Wie wir wissen, kann Unbewusstheit sehr viel Schaden anrichten, für C. G. Jung ist es die Ursünde, das Böse für den Logos schlechthin. Im gesellschaftlichen Leben, also nach außen betrachtet, sind wir Frauen heute wohl eher auf dem besten Weg, die besseren Männer zu werden. Frei nach dem Motto des Liedes aus „My Fair Lady: anything you can do, I can do better! I can do anything better than you!“ Eine logische, radikal-emotionale Konsequenz auf Verletzungen und Demütigungen. Sind wir heute nach wie vor in einem patriarchalen Bewusstsein gefangen? Versuchen wir noch männlicher zu denken und büßen damit unsere Andersartigkeit ein? Können wir Frauen es uns heute überhaupt noch leisten, auch Muse zu sein und gleichzeitig ernst genommen zu werden? Müssen wir tatsächlich die besseren Männer sein, verstümmelt in unserer Andersartigkeit unter einem erdrückenden Rationalismus? Einer der wesentlichsten Brennpunkte um die allgemeine Frauenthematik scheint wohl das Gottesbild an sich zu sein. Gott gilt dem gläubigen Menschen als etwas derart Heiliges, dass ihm irgendeine Verbindung mit dem Bösen ausgeschlossen erscheint, schreibt der Theologe und Analytiker Sepp Maderegger in seinem Buch „ Dämonen“. Die Kultur und Religionsgeschichte zeigt aber auf, dass alle übermenschlichen Wesen, die von Völkern und Kulturen verehrt werden, in einem Zusammenhang stehen. Das hat Jung überhaupt erst auf die Idee gebracht, das Gesamt der transzendenten, den Menschen übersteigenden Wesen auf einen einzigen Archetypus zurück zu führen, nämlich auf den Archetypus des Gottesbildes. Die Verschiedenheit der religiösen Auffassungen, die Bezogenheit von guten und bösen Geistern seien kulturbedingte Spiegelungen dieses Archetypus, meint er. Und weiter ist im Buch „Antwort auf Hiob“ zu lesen: „ ...das ist wohl das größte an Hiob, dass er ... nicht in der Einheit Gottes irre wird, sondern klar sieht, dass Gott sich im Widerspruch mit sich selbst befindet:“ „.... Einsicht bestand neben Einsichtslosigkeit, wie Güte neben Grausamkeit und wie Schöpferkraft neben Zerstörungswillen...“. Nach dieser Theorie begegnen wir hier der Widersprüchlichkeit eines ausschließlich männlichen Gottes, genauso würde es sich aber auch mit einem weiblichen Gottesbild verhalten; einer Widersprüchlichkeit im Ursprung von Beidem an sich. Das Fehlen eines weiblichen Gottesbildes macht klar, warum die Angst vor der Widersprüchlichkeit des Weiblichen nach wie vor eine wesentlich größere ist als die vor dem Männlichen. Die Erfahrung mit dem sogenannten Bösen ist die große Herausforderung der Menschheit schlechthin und zwingt jeden zu einer Stellungnahme. Psychologisch bieten sich zwei grundsätzlich verschiedene Modelle für das Böse an: wir können es als zu uns selbst gehörend betrachten und dafür die Verantwortung übernehmen - so betrachtet wäre das die Arbeit mit dem eigenen Schatten - oder es anderen aufladen: den bösen Mitmenschen, dem feindlichen Volk, den dunklen Aspekten des Einen oder Anderen, dem Teufel, dem Dämon, der Dämonin, der Frau! Eine der gemeinsten Erscheinungen des Bösen, meint Sepp Maderegger, ist nicht nur die Verhüllung, sondern die Täuschung, und zwar im Gewande Gottes, denn mit solchem Aussehen ausgestattet, könne sie die menschliche Natur ungehindert vergewaltigen. Ist dies mit Frauen passiert? Lilith wurde nicht einmal unbewusst verdrängt, sondern bewusst verbannt und dämonisiert. Und was lange genug dämonisiert wird, erscheint eines Tages als Dämon, oder Dämonin. Es ist psychologisch erwiesen, dass Komplexe auch wachsen können, wenn sie mit hochenergetischem, archetypischem Hintergrund angereichert sind. Die Entwicklung zum Hexenwahn des Mittelalters hatte dieselben Grundlagen: zum einen war es die Spaltung des Frauenbildes in die Angebetete im Ritterideal und die Heilige in der Marienverehrung, zum anderen in die Frau als ausschließliches Geschlechtswesen mit gleichzeitiger Abwertung der Sexualität. Die Analytikerin Jean Shinoda Bolen sagt dazu: „Werden Sinnlichkeit und Sexualität der Frauen erniedrigt - wie dies in der jüdisch- christlichen und in der muslimischen Kultur oder in anderen patriarchalischen Gesellschaften der Fall ist - , wird die Frau, die Aphrodite, die Geliebte, verkörpert, als Verführerin, oder als Hure betrachtet.“ Aphrodite, Sinnbild der Liebe, eine Hure? Ein Blick zurück in die griechische Mythologie zeigt diese Göttin sowohl autonom, als auch beziehungsfähig. Sie hat also beides: die Autonomiebestrebungen der Lilith und dieBeziehungsfähigkeit der Eva. Überhaupt zeigt dieser Sprung zurück in die griechische Mythologie, dass diese randvoll gespickt ist mit Göttinnen, die als Vertreterinnen verschiedenster Frauencharaktere in ihren archetypischen Bildern und Geschichten zum besseren Erkennen der weiblichen Seele zur Verfügung stehen. Jetzt, wo Lilith Einzug in unser Leben hält, was bedeutet das in der Verantwortung des weiblichen Logos; kann so lange Verdrängtes und aus dem Bewusstsein der Menschen Vertriebenes noch gerettet, ins volle Leben zurückgerufen werden? Die Analytische Psychologie stimmt hoffnungsvoll, denn hier geht es um Ganzwerdung, um Individuation, das heißt um Integration und vor allem um Humanisierung verschiedenster Wesensanteile. Das betrifft uns Frauen, aber ebenso und gerade auch die Männer, denn es ist wohl klar, dass der Schmerzpunkt der Jahrtausende lang im Schatten lebenden Frauen ein unvergleichbar größerer ist als der der Männer. In jedem Archetyp ist Hell wie Dunkel, Gut wie Böse. Im einen wie im anderen geht es um Bewusstwerdung der Gefährlichkeit und des Machtstrebens; und zusammen mit dem persönlichen Komplexmaterial geht es somit sowohl individuell als auch kollektiv immer wieder um die Integration des Schattens. Zum Gelingen brauchen wir die Liebe, Aphrodite, denn was nützt Lilith ihre Autonomie, wenn sie kalt ist, nicht fähig zu lieben? Wenn sie sich nimmt, was sie will, wann sie es will, wie sie es will und von wem sie es will; eine Anarchistin der ersten Stunde, gemeinsam mit ihrem männlichen, sich auflehnenden Pendant, Samael? In Bruno Ertler's Gedicht „Fensterpromenade“ wird einerseits spürbar, welche Anziehungskraft sich hinter dem Lilith-Aspekt verbirgt, aber auch im selben Aspekt fehlt; achten Sie, wenn wir dieses Gedicht hören, besonders auf die letzte Zeile. Und Eva? Was nützt ihr, lieb, nett und beziehungsfähig zu sein, wenn sie ihre Autonomie nicht entwickeln kann? Eva automatisch als liebend zu sehen, idealisiert durch die Sehnsucht nach Geborgenheit, Wärme und Schutz einer Mutter, ist eine Falle, in die auch Ertler in seinen Gedichten tappt. Wir hören dazu „Eva“. Wir brauchen also Aphrodite, diese übergeordnete, alchemistische Göttin der Schönheit, der kreativen Frau und Geliebten. Die Psychologie spricht auch von einem Aphrodite - Bewusstsein oder schwebendem Bewusstsein. Wo Liebe ist, da ist Offenheit für Wandlung; und dies meist in einem machtvollen, und auch oft schmerzvollen, Prozess! Wir wissen, dass uns die Liebe findet und packt, wenn wir reif sind für eine echte Weiterentwicklung. Aphrodite steht für neues Leben, sie strebt nach Intensität in Beziehungen und misst kreativen Prozessen einen großen Wert bei. Kreativität ist für mich gleichbedeutend mit Lebendigkeit und damit das Kostbarste für uns alle. Wir sind „im Fluss“, wenn wir vom ureigensten Schaffensstrom versorgt werden, dagegen treten wir auf der Stelle, wenn wir von unseren Urinstinkten, durch Personen, oder die Gesellschaft, abgetrennt werden, meint Carola Pinkola Estes. Jeder Verlust der strömenden Energie stellt aus psychologischer Sicht eine geistig/seelische Krise dar. In Bruno Ertler ́s Gedicht „Schwere Tage“ spüren wir diesen Stillstand. Dennoch war er trotz schwerster Krankheit meistens verbunden mit dieser ursprünglichen, schöpferischen Kraft. Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss: wir Menschen bleiben stets von einer Sehnsucht nach wilder Ursprünglichkeit erfüllt. Männer genauso wie Frauen. Frauen allerdings hat man Scham anerzogen, und so haben wir über Jahrtausende gelernt, unsere Gefühle mehr oder weniger zu verbergen. Vordergründig dürfen wir heute, zumindest in westlichen Kreisen, alles. In der sogenannten „reality behind“ sieht es allerdings anders aus. Kann es jemals eine humane Lilith geben? Vielleicht bleibt es, genauso wie bei Samael, Adam oder Eva davon abhängig, von dem Wunder der Liebegestreift zu werden! Ob dieses Geschenk dann angenommen werden kann, oder ob wieder Macht, Geltungsdrang oder andere unbefriedigte Bedürfnisse die Führung übernehmen, bleibt immer spannend und offen. Das Helle jedoch in Lilith, das Revolutionäre, das stets Lebendige an diesem Prototyp von Frau, sehe ich als eine geradezu lebensnotwendige Tatsache. Brigitte Sükar, Wien, am 10.Oktober 2017 © Brigitte Sükar Ereignis Rot und heiß, fordernd und reißend brandest du. Glühend lockt deiner klaffenden Tiefe Grund, und was Leben jauchzt in dir, was in dir sterben droht, Aufjubeln und Versinken, Hingeben und Sein-Vergessen. alles alles windet ringende Hände aus dir. Lauterkeit, grundtiefe, todbereite, gottfordernde Wahrheit breitet die Arme, reckt die Brust, spreitet die Augen weit. Ungemessene Gier nach deinen roten Wellen, lustschauderndes Grauen vor deiner Unnahbarkeit greift mich und reißt mich zu dir und ich bin Gott begegnet, dem wetterzornigen Feind der Lüge.- Fensterpromenade Fast alle Häuser schlafen noch in der alten Gasse. An ihren Schnörkeln und Giebeln hängt der graue, nasse Morgennebel in boshaft träger Masse. Ich weiß ja, Lilith, daß es eine Torheit ist, in so freudloser Stunde vor deiner Türe zu stehen und verliebt nach einem verhängten Fenster zu spähen, wie in dummen Knabentagen-die man doch nie vergißt. Ich würde auch heute noch gleich beschämt verschwinden, wenn sich der Vorhang bewegte da oben hinter den blinden, milchopaligen Scheiben; denn du sollst mich nicht finden, wenn ich stumme Zwiesprach halte mit meinem Echten und weit bin von allem Klugen, Bedachten und Rechten. - Träumtest du, Lilith? Oder hast du sinnend gewacht? Oder war mein Freund, der schöne, bei dir heute Nacht! Und ihr küsstet euch oft - habt über mich gelacht Siehst du: nun weiß ich plötzlich, daß du mich gar nicht liebst und dich dem anderen mit der spöttischen Stirne ergibst, denn er hebt dich in keine heiligen Himmel, gleich mir, und betet nicht selig zu allem Reinen in dir und wird dir nimmer sein Erstes und Letztes weihen, wie ich getan. - Und das kannst du mir nie verzeihen. Eva Heilige! Wunderbare! Traum meiner frühen Jahre, erstanden zur Wirklichkeit, mit dem Atem der Erde geweiht Eva! In deiner Augen umfangenden Blicken Leuchtet des blühenden Lebens Entzücken, seiner Früchte stille Erhabenheit und das starke Wissen um all sein Leid. Herzen Weitende Gabenvoll Schreitende Ruhegesegnete Selig der Gottgeliebte, der dir begegnete. Schwere Tage Schwere Tage sind. Grau fröstelt der Himmel und es friert dein Herz. Tage wie müde Schnecken, Tage, an denen du nur blassen, hungernden Kindern und feindlichen Menschen begegnest. Schwere Tage sind. Du pochst an verschlossene Türen und niemand ist niemand der dir öffnet. |