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Vom Archetyp der Musik |
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„Ein Ton lebt wie DU, wie ICH, wie SIE, wie ES. Bewegt sich, dehnt sich aus und schrumpft zusammen. Verwandelt sich, gebiert, zeugt, stirbt, wird wiedergeboren. Sucht, sucht nicht, findet, verliert, verbindet sich, liebt, wartet, eilt, kommt und geht.“ |
| K.H. Stockhausen 1 |
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Musik erreicht unsere Seele in sehr umfassender Art und ihre tiefe Wirkung
resultiert auf einem dynamischen und konstruktiven Zusammenspiel von
Gegenpolen. Für viele Menschen wird sie ausschließlich als Sprache
des Gefühls verstanden. In ihrem Ganzheitsaspekt ist sie jedoch ebenso
auch dem Denken, Intuieren sowie dem Empfinden verbunden. Auch Introversion
wie Extraversion, das Individuelle wie das Kollektive, das Männliche wie
das Weibliche, das Bewusste wie das Unbewusste vereinigt sie in ihrer
universellen Aussagekraft. Als Sprache des Fühlens gelangen wir zu den
nonverbalen und emotionalen Tiefenschichten der Psyche. Als Sprache der Logik
und des Denkens finden wir in der Psyche die Wurzeln geordneter Urstrukturen
wieder, die sich immer wieder neu formieren. Musik als Sprache der Intuition
belebt unsere Phantasie mit dem gesamten Spektrum der im Hintergrund ruhenden
Möglichkeiten. Musik wendet sich ebenso gerne im expansiven-dionysischen
Rausch nach außen, wie kontemplativ-apollinisch nach innen. Sie lädt
uns zu Dialogen aus verschiedensten Wissensgebieten ein. So können wir
beispielsweise aus dem Aspekt der Theorie, der Analyse, der Natur - sowie der
Geisteswissenschaften unsere Überlegungen anstellen und mit ihr in
Kontakt treten. Darüber hinaus spricht Musik aber stets aus sich selbst,
ihre Schwingung braucht keine Worte, das unmittelbare Erleben, ihre Antwort,
erreicht uns immer nonverbal. Musikwissenschaftlich gesehen umfasst die Musik
die großen Gebiete der Akustik, Tonphysiologie, Tonpsychologie,
Musiktheorie, Musikpädagogik, Musikästhetik, Musikgeschichte,
Musikethnologie und Musiktherapie. Hierbei stellt die Musiktheorie als Lehre
von den musikalischen Elementen wiederum die Rhythmik, Melodik, Metrik und
Harmonik ins Zentrum ihrer Betrachtung. 2 Jung äußerte sich selten zum Thema Musik; wir wissen aber, dass er großen Wert auf die Wiederentdeckung der esoterischen Symbole unserer abendländischen Kultur legte und damit auf die Bewusstwerdung der westlich geprägten Bilder und Archetypen. Als Wegbereiter einer west-östlichen Begegnung, die der abendländischen Kultur tiefere Einsichten ermöglichte, wollte er dennoch auf die Gefahr hinweisen, der Faszination des Fernen Ostens zu erliegen und dadurch die eigene Lebensbasis zu verlieren. Dasselbe können wir auf die kollektive, aber auch individuelle, musikalische Entwicklung und Erfahrung übertragen. Nach einer Überschwemmung von exotischen und magischen Rhythmen und Klängen aus Asien und Afrika und einem wahren „psycheedelischen“ 3 Musikrausch, hervorgerufen und unterstützt durch Drogen, vollzieht sich in der jüngeren Vergangenheit unter Musiker/Innen und Komponist/Innen ein Wandel zurück zu den eigenen Wurzeln, zum alten Griechenland, zum Frühchristentum und zum Mittelalter. Auch die Musik des Komponisten Gerhard Schedl basiert auf der kulturell eigenen Vergangenheit. Ähnlich der Analytischen Psychologie schöpfen wir auch in der Musik aus deren mythologisch-kos\-mo\-lo\-gi\-schem Ursprung. „So gilt uns das Universum als harmonikaler Kosmos, geordnet nach Maß, Zahl und Gewicht und die Musik, der die uranfänglichen Zahlen der Weltordnung als Potenzen zugrunde liegen, als Klang dieses Universums und der menschlichen Seele. Kosmologisch bezeichnen wir sie als „musica mundana.“ 4 Die Bedeutung von Musik in der Antike war eng verknüpft mit den mythischen Ahnungen von der Harmonie der Sphären. Musik galt damals als Teil des Weltplans, als das Innere der Welt, ja sogar als die Weltseele, die anima mundi selbst. Ein schönes Beispiel harmonikaler Symbolik ist z.B. Platons berühmte Schilderung der Weltseele als Tonleiter. Der Musikhistoriker Gerhard Nestler berichtet dazu: „Diese Musik war unhörbar, hörbar war nur ihr Symbol. Das Symbol aber waren Töne oder auch Geräusche, die der Mensch aus der Fülle dessen, was der Kosmos bereitstellte, auswählte. Musik ist aus den polaren Spannungen zwischen Hörbarem und Unhörbarem entstanden.“ 5 Seit der Zeit des Pythagoras zieht sich der Begriff der Harmonie der Sphären als Symbol einer kosmischen Weltordnung wie ein roter Faden durch die Geschichte einer esoterischen Musikauffassung. Die Monochordexperimente des Pythagoras enthielten bereits die Grundgesetze der Akustik, die Zusammenhänge von Intervallen und sogar den Aufbau der Obertonreihe. Schon damals hatte man akustische Proportionen entdeckt, die sowohl in der Natur wie auch in der Beschaffenheit des menschlichen Gehörs gesetzlich verankert sind. Wir werden also nicht nur durch die Musik, sondern durch alle Schwingungen darüber hinaus - auch in und durch die Natur beeinflusst. Solche, physikalisch bereits sehr exakt messbaren Schwingungen, sind uns als „Obertöne“, englisch „harmonics“ bekannt. Sie unterliegen einer ganzzahligen Ordnung, die jedem einzelnen Ton zugeordnet ist. Zumindest ungeschult können wir sie nicht hören, aber dennoch schwingen sie in den Tönen und somit auch in uns mit. Erst ein Ton mit dem gesamten Spektrum seiner Obertöne wird als Klang bezeichnet. Im Mythos ist die Welt aus Klang entstanden und wird auch vom Klang zusammengehalten. In Zusammenhang mit den Obertönen wird heute auch von sogenannten „inneren Oktaven“ gesprochen. Der Komponist, Musikwissenschafter und Psychologe P.M. Hamel schreibt: „Sehr oft ist es nur ein Ton, oder eine Note, die sehr lange hingezogen wird und nur wenig steigt und fällt, aber in dieser einzigen Note vollziehen sich andauernd \glq{}innere Oktaven\grq{} und Melodien; \glq{}innere Oktaven\grq{}, die für die Ohren unhörbar sind, aber vom Gefühlszentrum empfunden werden.“ ... „Objektive Musik beruht nur auf solchen inneren Oktaven. Und sie kann nicht nur bestimmte psychologische Ergebnisse, sondern auch bestimmte physische Ergebnisse zeitigen. Es kann Musik geben, die Wasser zum Gefrieren bringt. Es kann Musik geben, die einen Menschen sofort töten würde. Die biblische Legende von der Zerstörung von Jericho durch Musik (es waren damals die Trompeten ) ist eine solche Legende von objektiver Musik. Und sie kann nicht nur zerstören, sondern auch aufbauen und heilen, wie wir durch die Legende von Orpheus wissen.“ 6 Wenn ich „musica mundana“ erwähnte, sozusagen als geistigen, musikalischen Archetyp, so darf auch „musica humana“ nicht fehlen. Sie zeigt ihre besondere Wirkung im Ausbalancieren der Kräfte von Gegensätzen, besonders des Gegensatzes zwischen Seele und Körper. 7 Sowohl die Klangfarben, als auch die Intervalle zeigen eine starke Wirkung in der menschlichen Psyche. Schon Rudolf Steiner deutete die Intervalle, er ordnete dem Terzerlebnis das Subjektive - das Schicksal zu, dem Oktaverlebnis dagegen die Entdeckung des höheren Selbst und dem Quinterlebnis die Imagination. 8 Auf Grund von wissenschaftlichen Untersuchungen über das Gehör steht heute fest, dass die Physiologie des Ohres tatsächlich für eine Bevorzugung der aus einfachen Proportionen gebildeten Intervalle sorgt, sodass bewiesen ist, dass die Pythagoreer mit ihrer Behauptung recht behielten, wonach gleiche Gesetze in der Natur, in der Musik und im Menschen existieren sollten. 9 Das Wissen über die Intervallunterteilungen auf einer Saite, damals dem Monochord, diente als Verbindungsglied zwischen Natur und Seele. Heute ist beweisbar, dass es einen Zusammenhang von Tönen und Zahlen gibt. Die Intervalle sind psychisch erlebbar und die Zahlenverhältnisse entsprechen bestimmten Gefühlen. 10 An „reinen“ Intervallen stehen die Oktave, die Quinte und die Quarte zur Verfügung. Diese können zusätzlich noch übermäßig oder vermindert sein. Sogenannte reine Intervalle zeichnen sich durch ein einfaches Zahlenverhältnis aus: Oktave = 1:2; Quinte = 2:3; Quarte = 3:4. Die Zahlenverhältnisse der Intervalle beziehen sich jeweils auf die Schwingungszahlen der einzelnen Töne, wobei jeder Ton durch Luftschwingung entsteht. Alle anderen Intervalle, wie Sekund, Terz, Sext und Septim stehen uns jeweils groß oder klein zur Verfügung, aber zeigen sich uns in deutlich schwierigeren Zahlenverhältnissen. Musica humana lässt die Erinnerung auch gleichzeitig an den Ausgang dieser Arbeit, an den Musiker Gerhard Schedl zurückfließen. In zwei exemplarischen Hörbeispielen werden wir besonders mit der von Steiner als schicksalshaft beschriebenen Terz verbunden. Übrigens soll Schedl, nach Erzählungen seines Sohnes Johannes, ein Zahlenmystiker gewesen sein und es wird vermutet, dass in der zugrunde liegenden Zahlensymbolik einiger seiner Werke bewusst verborgenes Informationsmaterial liegt. Das zu untersuchen obliegt aber einer anderen Arbeit. Auf menschlicher Ebene ist es gut nachspürbar, dass Musik etwas Ausgleichendes und Heilendes in die spannungsgeladenen inneren Kämpfe seiner Seele brachte. In meinen psychologischen Ausführungen sprach ich allerdings auch von einem Verhängnis, weil Schedl die Musik quasi als tägliches Suchtmittel brauchte. Die heilende Wirkung der Musik in seinem Leben steht außer Zweifel, dennoch ist und bleibt sie nur ein Archetyp. Für ein ganzes Leben kann sie niemals ein menschliches und dialogfähiges Du ersetzen. Nicht zuletzt tritt „musica instrumentalis“ auf und zeigt sich in ihrem erdhaft-organischen Aspekt, indem wir sie durch unsere Instrumente zum Klingen bringen. Hier präsentiert sich die Musik durch den Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen. Als Musikerin darf ich sagen, dass es wohl nichts Schöneres gibt als den Facettenreichtum der Musik auf einem Instrument durch sich selbst zum Klingen zu bringen. Alle Bereiche musikalischen Geschehens gehören eng zusammen, greifen ineinander über und machen erst in ihrer Gesamtheit die Ganzheit der Musik aus. Unser Wort „Musik“ stammt übrigens aus dem griechischen „musike“ und erinnert in allen europäischen Ländern an den göttlichen Ursprung der antiken Gottheiten, der Musen. Die Musen, im Matriarchat als Triade die dreifaltige Göttin des Geheimkultes, galten später als die neun Töchter des Zeus und der Mutter Mnemosyne. 11 Brigitte Sükar, 2008 © Brigitte Sükar |
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Endnoten: 1. Geistige Einstimmungstexte, aus den sieben Tagen, Universal Edition, Wien 1968. 2. H. Streich: Musik und Psyche, S. 4 ff. 3. „Psycheedelisch“, eine neue, aus dem Griechischen entlehnte Wortschöpfung; bedeutet: „das, was Bewusstsein ausdehnt“. 4. H. Streich: Musik und Psyche, S. 6. 5. P.M. Hamel: Durch Musik zum Selbst, S. 105. 6. P.M. Hamel: Durch Musik zum Selbst, S. 122. 7. H. Streich: Musik und Psyche, S. 6. 8. P.M. Hamel: Durch Musik zum Selbst, S. 109. 9. P.M. Hamel / R. Haase: Über das disponierte Gehör, S. 111. 10. P.M. Hamel: Durch Musik zum Selbst, S. 111. 11. T. Timmermann: Die Musen der Musik, S. 8. |